14.9.2020 Mahnwache

Zum Todestag von Peter halten wir am Tatort Heinrich Heine Straße eine Mahnwache ab.

Redebeitrag zum Gedenken an Peter Hamel am 14. September 2020

Liebe Anwesende

Peter Hamel, an den wie heute erinnern wollen, war ein Mensch, der unversehens in eine Gewalt-situation hineingeraten ist und sich spontan mutig verhalten hat.

Heute jährt sich sein Todestag zum 26. Mal.

Wir wollen aber auch all der Menschen gedenken, die durch die Unwertigkeitsideologien, heterosexueller Moral ausgegrenzt, verletzt und getötet wurden und werden und meistens keinen finden, der ihnen hilft

Die Geschichte der Verfolgung homosexueller Menschen in Deutschland war 1945 mit der Be-freiung vom Faschismus nicht beendet. Zwei Jahrzehnte lang hielt die BRD an den §§ 175 und 175a der Nazis unverändert fest. Diese Verfolgungspraxis wurde vom Bundesverfassungsgericht am 10. Mai 1957 bestätigt. Die Beschwerdeführer hatten geltend gemacht, die Bestimmungen seien nur als Ausfluss der nationalsozialistischen Rassenlehre verständlich; sie enthielten in so hohem Maße nationalsozialistisches Gedankengut, dass sie in einer Demokratie nicht mehr angewandt werden dürften. Dagegen sah das Bundesverfassungsgericht, darin kein nationalsozialistisches Unrechts, denn (nach Art. 123 Abs. 1 GG) alles Recht aus der Zeit vor dem Zusammentritt des Bundestages gelte, soweit es dem Grundgesetz nicht widerspreche. Es komme deshalb nicht darauf an, ob die §§ 175, 175 a StGB nationalsozialistisch geprägtes Recht, sondern nur darauf, ob sie mit den Grundsät-zen eines freiheitlich demokratischen Staates unvereinbar seien. Diese Unvereinbarkeit sah man nicht.

Derartig menschenverachtende Argumentationen beschränken sich nie auf die Rechtsprechung. Ge-setze die Bevölkerungsgruppen diskriminieren und ächten, spiegeln oft die Einstellung der Mehr-heit, oder zumindest größerer Teile der Bevölkerung wieder. Diese Einstellungen gehen nicht nur in Gesetze ein, sondern bestimmen den öffentlichen Diskurs, werden über Familien und Sozialisation in den Bildungsstrukturen weitergegeben und in Kopf und Herz verankert.

Auch vor 26 Jahren gab es Menschen, die gegen Vorurteile und die Diffamierung von Minderheiten ein Gegengewicht setzten. Zeitgleich wurde und wird jedoch in vielen Klassenzimmern der Repu-blik im Religionsunterricht, gegen die „homosexuelle Sünde“ gepredigt.

Welche/r je die verbale distanzlose Übergriffigkeit städtischer und dörflicher Stammtischgespräche erlebt hat, kennt den Boden auf dem Vorurteile gedeihen. Vieles hat sich mittlerweile verändert, nicht alles zum Besseren.

Auf Schulhöfen und Fußballplätzen wird „schwul“ heute noch offener als vor 26 Jahren zur alltägli-chen Beleidigung eingesetzt. Auch Parolen, die zur Gewalt an Schwulen ermutigen, kursieren. Diese Sprüche waren und sind die lebenden Gespenster die nach 1945 in vielen Köpfen und eben auch in Gesetzestexten, die Nazizeit überlebt hatten.

Gespenster auf die die Verfolgungspraxis des deutschen Staates bis in die 90er Jahre gegründet war.

Nach vielen zermürbenden Kämpfen der Betroffenen, kam es 1969 und 1973 zu Teil-Reformen. Erst die Rechtsangleichung nach dem Anschluss der DDR brachte am 11. Juni 1994 die ersatzlose Streichung des § und die Anerkennung der Opfer.

Hierin könnte der Auslöser für den Tod von Peter Hamel begründet sein.

Es ist zu vermuten, das die Streichung des § 175 im Sommer 1994 die Volksseele an den Stamm-tischen der Republik in Wallung gebracht hat. Es ist wahrscheinlich, das die jungen Männer, die am 13. September nach Osnabrück fuhren, um nach eigener Aussage „Schwule zu klatschen“ – ihre Mo-tivation aus genau solchen Hetzereien bezogen haben könnten.

Dieser Unrat kann den drei 20 jährigen die am Tod von Peter Hamel beteiligt waren, über die üblich dümmlichen Sprüche, z. B. was ein „richtiger“ Mann mit einem Schwulen macht, vermittelt worden sein. Es geht nicht um niederträchtige Meinungen, sondern es geht immer wieder darum mit wel-cher Dreistigkeit diese Leute sich anmaßen Gericht zu halten über die Privatsphäre anderer Men-schen. Woher nehmen derartige Personen die Überzeugung, über die sexuelle Orientierung von Mitmenschen urteilen und vor allem, bestimmen zu dürfen. Damit öffnet sich die ganze Giftküche von Vorurteilen und Gewaltbereitschaft: Die Geplante vorsätzliche Körperverletzung an Menschen, die den Tätern völlig unbekannt sind. Es ist die Übergriffigkeit, der gleiche Maskulinismus den, die Propheten und Prophetinnnen des Hasses der AfD wie Höcke und andere Neonazis propagieren.

Was passiert damals?

Zunächst besuchten drei junge Männer aus dem Landkreis Kneipen und Diskotheken. Beim Trinken hielt sich der spätere Täter, nicht zurück, obwohl er wußte, dass er im betrunkenen Zustand regel-mäßig gewalttätig wurde. Stark alkoholisiert begab man sich zum Raiffeisenplatz. Dort trafen sie auf zwei Männer, die sie für schwul hielten und angriffen. Als diese sich in ihrem Auto in Sicherheit brachten, schlugen sie eine Scheibe ein.

Durch den Lärm, wurde der vorbeikommende Peter Hamel auf sie aufmerksam und stellte sie zur Rede. Daraufhin trat das Trio schließlich den Rückzug an. Peter Hamel der offensichtlich die Situ-ation für bereinigt hielt, wandte sich ebenfalls zum Gehen. Einer der Angreifer drehte sich auf dem Absatz um, sah das Hamel sich abgewandt hatte und schlug ihm von hinten eine Bierflasche auf den Kopf. Durch den Überraschungsangriff vollkommen wehrlos, stürzte er zu Boden. Das nutzte der Schläger aus, um wahllos auf Kopf und Körper seines Opfers einzutreten. Er steigerte sich in eine derartige Mordlust, das es den vier anwesenden Männern nur unter Aufbietung aller Kräfte möglich war, ihn von seinem Opfer zu trennen.

Peter Hamel starb in den frühen Morgenstunden des 14. Septembers 1994 an seinen Verletzungen.

Er war als freundlicher, hilfsbereiter Mensch von imponierender körperlicher Grösse und Kraft be-kannt. Wir erinnern an einen mutigen Menschen, der seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt hat.

Und heute 2020 ?

Der alte Hass auf Menschen, die heteronormativen Vorstellungen nicht entsprechen, kleidet sich in andere Metaphern. 2021 wird ein Superwahljahr, bei dem die AfD sich gute Chancen ausrechnet. Dabei wird sie auch Bereiche mobilisieren können, die ihre Schwulenhass in pure Menschenliebe einkleiden

Es ist unübersehbar, „dass viele rechtskonservative Christen in der AfD eine nahezu ideale politi-sche Heimat sehen. Die Partei bedient mit ihrer Ablehnung des Gender Mainstreaming (das Hand-werkszeug zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Verwaltungen), der Abtreibung, der ‚Ehe für alle‘ und dem Kampf gegen die angebliche ‚Islamisierung‘ alle Themen, die für diese Christen zentral sind.“ (Liane Bednarz, Die Angstprediger, Bonn 2019, S. 218)

Populär ausgedrückt, es treffen sich Männlichkeitswahn mit Islam- und Schwulenhass.

Seit Jahren wird von Evangelikalen und rechten Katholiken der Schulterschluss mit Neonazis bei „Märschen für das Leben“, die aus dem AfD Dunstkreis organisiert werden, geübt.

Das namhafte Vertreter*innen beider großen Kirchen klare Worte zum Zusammenschluss „Christen in der AfD“ gefunden haben spielt für rechte Christen keine Rolle.

Wie bei keinem zweiten Thema überlappen sich bei diesen Themen Aktivismus und Politik. Dafür steht vor allem die AfD Politikerin Beatrix von Storch, die zugleich Mitglied der ‚Christen in der AfD‘ ist.

„Unter rechten Christen ist Gender Diversity … das derzeit größte Reizthema. Die Debatte wurde vor allem durch die Einführung der ‚Ehe für alle‘ befeuert. Grund hierfür ist, das Homosexualität im strenggläubigen Milieu als etwas Unnatürliches und der Schöpfungsordnung Widersprechendes angesehen wird.“ (a.a.O.l S. 78f.)

Wie bei GM stellt sich die Frage, ab wann beim Thema Homosexualität Desinformation betrieben wird, … ab wann von strengen Christen Argumente vorgebracht werden, die nichts mit einem re-spektvollen Umgang mit gleichgeschlechtlich Orientierten zu tun haben. Und ab wann Verschwör-ungstheorien am Zuge sind.

In rechtschristlichen Kreisen wird häufig so getan, als strebe eine mächtige ‚Homo-Lobby‘ eine ‚Homosexualisierung‘ der Gesellschaft an. Gegen diesen selbst aufgebauten Pappkameraden lässt sich dann eifrig ankämpfen. Viele sind davon überzeugt, dass diese ‚Homosexualisierung‘ vor allem über die ‚Bildungspläne‘, einiger Bundesländer durchgesetzt werden soll.

Es liegt für jede_n Rechte_n auf der Hand, das Kranke, die eine Therapie verweigern, an ihrem Zustand selber schuld sind.

Vor kurzem bekam die altbackene Behauptung, „schwulsein ist eine Krankheit“ durch eine unbe-dachte Äußerung von Papst Franziskus neue Nahrung.

Gedenken findet nicht nur statt, um Menschen zu ehren, die sich beispielhaft verhalten. Es gehr vor allem darum, durch ausführliche Analyse und beharrliche Aufklärung Wiederholungen von Unrecht zu verhindern.

Es sind Bereiche wie die alltägliche Schwulenhetze, die den „neuen“ Nazis Auftrieb geben, weil der Schwulenhass von Neonazis kaum von konservativen Vorurteilen unterscheidbar ist. Gemeinsam-keiten können langfrisitg immer zu einem politischen Schulterschluss genutzt werden.

Verbale und körperliche Gewalt gegen Menschen die nicht in die heteronormative Schablone passen nimmt weltweit zu, religiös und politisch legitimiert. (Seit einiger Zeit werden in Polen – mit christ-licher Begründung – Homosexuellen-freie-Zonen- ausgerufen. (WDR 10.09.20)

Wo bleibt der „Aufstand“, wenn die „Anständigen“ sich im Vorurteil mit den Nazis einig sind, wie die Abstimmung zur Ehe für Alle deutlich gezeigt hat?

Peter Hamel hat durch spontanes Eingreifen, Schaden von Menschen abgewehrt und ist selber dabei erschlagen worden. Für ihn war es selbstverständlich, Gewalt etwas entgegenzusetzen,

Verfolgung von Menschen nicht hinzunehmen, sondern ihr mutig zu begegnen.

Ohne Schwulenhetze wäre er nicht zu Tode gekommen.

Es wäre gut, wenn unsere Stadt dem Plan zustimmt,

diesen Ort zu einem ständigen Ort der Erinnerung zu machen.

Ein Ort zur Erinnerung an einen mutigen Menschen

an dem Gedenken sich auch auf Gegenwehr bezieht.

Ein Ort an dem aller Opfer homophober Gewalt gedacht werden kann.

Erinnerung daran, das Verfolgung mit Mut begegnet werden muss, nicht nur von einem,

sondern von uns allen,

denn es war schon lange nicht mehr so notwendig wie heute.

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